„Ist man bei so einer Dan-Prüfung eigentlich nervös?“
Von Dr. Andreas Josef Kirschner
„Du Anderl?“
„Ja?“
„Ist man bei so einer Dan-Prüfung eigentlich nervös?“
Mike schaut mich an und lacht: „Also bei mir musste der Anderl sogar beim letzten Mal Händchen halten…“
Alle müssen von Herzen lachen. Die Kinder, genauso wie die Erwachsenen. Es ist eines dieser „kleinen“ Gespräche in der Umkleide. Kleine Gespräche fangen immer harmlos an, sehr oft sind es Fragen von den Kindern. Aber sie betreffen oft große, komplexe Dinge, die man als Erwachsener gar nicht so einfach mit ja oder nein beantworten kann. Alle Eltern kennen das.
Aber Dominik gibt nicht auf. Er war der Fragensteller. Er wird schnell wieder ernst: „Nein, wirklich! Ist man da nervös? Und wieso muss man da Händchen halten?“
Ich hatte das Bild vor Augen und war ehrlich gesagt erstaunt und bewegt, dass meine Geste von damals bei Mike Wirkung hatte und ihm daher im Gedächtnis geblieben ist. Da der Leser jetzt genauso „Bahnhof“ versteht wir Dominik, bin ich gezwungen etwas auszuholen.
Nach einer gewissen Reifezeit nach der letzten Dan-Prüfung darf man zur nächsten antreten. So war es auch bei Mike (eigentlich Dr. Michael Metzner). Im Gegensatz zu manchen Gürteljägern, die gleich nach der „Pflichtwartezeit“ wieder antreten, egal ob sie gut genug sind oder nicht, gibt es auch den ernsthaften Karateka, der konstant an sich und seinen Schwächen arbeitet. Dieser Typ, der in der Regel ein sehr guter Karateka ist und im Laufe seines Lebens zu Recht einen hohen Dan-Grad erreicht, ist meistens auch immer etwas kritisch gegenüber sich selbst und seinen Fähigkeiten. Da braucht es dann manchmal die Bestätigung von außen: „Du bist soweit! Trete an!“
So gab es auch unter den Schwarzgurt-Träger im Training auch ein „kleines“ Gespräch.
„Mike, wann hast Du vor, zum 3. Dan anzutreten?“
„Ich weiß nicht. Es ist immer was anderes…“
Auch das kennt jeder Erwachsene jenseits der 35: Familie, Job, Immobilie usw. Das zu tragende, tägliche Paket ist meist sehr groß. Da fällt es schwer, sich dem „Nebenkriegsschauplatz“ Dan-Prüfung zu widmen.
„Ich weiß auch nicht, ob das schon so passt, was ich mir überlegt habe.“
„Zeig mal her!“ Spontan schmeißen wir die letzten 30 min des Trainings um. Die Schwarzgurte klinken sich aus und wollen Mikes Bunkai ausprobieren, also die Selbstverteidigungsanwendung aus seiner Kata. Das Interesse ist schnell sehr groß. Er ist sichtlich überrascht. Es klappt alles sehr gut, ist schlüssig. Es gibt Lob und anerkennende Worte.
Dann fällt der Satz aus den Reihen, der „kleineren“ Dan-Träger: „Ich weiß nicht, was Du hast. Du bist der Beste von uns. Trete an!“ Er wird nachdenklich.
Zur Erklärung: Mit „uns“, damit sind eigentlich die Dan-Träger 1, 2 usw. gemeint, die im Dojo den Rang der Sempai bekleiden (Meister-Schüler), nicht jedoch den Rang eines Sensei (=Meister/ Der, der den Weg weist.)
Ein paar Trainingseinheiten später gibt er zu, sich für den März angemeldet zu haben. Fast wie ein Schuljunge, der bei einem Streich erwischt worden ist. „Du machst die saubersten Techniken von uns! Das passt schon so!“, kommt es wieder von einem 1. Dan.
Dann ist es so weit. Dan-Prüfung ist immer auf einem offiziellen Lehrgang, in diesem Fall das sog. „Dankashai“ (=Prüfungsvorbereitungslehrgang) im Rottal. Wir fahren natürlich mit.
„Das braucht’s aber fei ned!“ „Doch! Das gehört sich so. Außerdem brauche ich den Lehrgang sowieso für meine Vorbereitung.“ Die Aufmerksamkeit ist ihm gar nicht so recht. Falls es nicht klappen sollte, möchte man sich ja auch keine Blöße geben.
Natürlich ist man da den ganzen Tag nervös. Man hat monatelang trainiert. Am Prüfungstag muss man den ganzen Tag einen körperlich und geistig anstrengenden Lehrgang durchlaufen, um dann Richtung Abend noch zur Prüfung an zu treten. Da muss man dann nochmal alles geben.
Mike ist sichtlich angespannt. In der Pause bin ich bei ihm: „Mach Dich leer und genieße den Lehrgang, damit Du auf andere Gedanken kommst.“ Aber das bringt nicht viel, jeder kennt das aus eigener Erfahrung.
Dann ist es so weit. Bevor es losgeht, dürfen sich die Prüflinge im Vorbereitungsraum warmhalten. Man bietet seine Hilfe an, einfach damit man nochmal alles durchgehen kann. Oder man geht, um die Konzentration nicht zu stören.
Bevor wir gehen, drehe ich mich nochmal um, als hätte ich was vergessen. Ich nehme seine Hände zusammen, atme einmal tief aus und schließe kurz die Augen. Er macht spontan mit. „Du bist der Beste von uns! Du kannst das blind. Hab Vertrauen.“
Nach der Prüfung gibt es Glückwünsche. Die Anspannung löst sich.
Indes im Hier und Jetzt in der Umkleide. Dominik ist sichtlich verwirrt: „Also ist man doch nervös…“
Während ich die Geschichte erzählt hatte, ist bei jedem der Beteiligten wieder ein persönlicher innerer Film abgelaufen. Alle schauen mich an. Ich hätte Dominik noch was Schlaues, Meisterliches antworten können; etwas mit „Do ist der Weg“ usw., aber ich habe einfach mit tiefer Stimme gesagt:
„Ja.“
Dominik war beruhigt, schließlich war es ja eine einfache Frage und er wollte endlich nach Hause. Für die anderen war es ein gewichtiges „ja“ und sie wussten ohne Worte warum.
So ist es doch mit vielen Dingen im Leben: Es ist anstrengend, aber schön… Und hinter einem einfachen „Ja“ steckt oft ein langer Weg.
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